Österreich in der Krise: Die Mediale Berichterstattung zum Ölpreisschock 1973/74

von Hannah Salentinig

Seit 2022 steckt Österreich in der Energiekrise und das, wie sich zeigt, allerdings nicht zum ersten Mal. Der Begriff ertönte in der Geschichte der Zweiten Republik nämlich bereits im Jahr 1973. Ähnlich wie heute der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine für die Teuerungswelle verantwortlich gemacht wird, war es damals ebenfalls ein kriegerischer Konflikt. Der Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 veranlasste die OAPEC-Staaten zu erheblichen Preiserhöhungen auf ihre Erdölexporte in die westlichen Industriestaaten, diese wiederum mit zahlreichen Energiesparmaßnahmen reagierten. In Österreich fiel darunter zum Beispiel die Einführung eines Tempolimits von 100 km/h auf sämtlichen österreichischen Autobahnen oder die Regelung eines autofreien Tages pro Woche. Ein bis heute humoristisch rezipiertes Bild aus dieser Zeit sind zudem die von Bundeskanzler Bruno Kreisky im Dezember 1973 an die Bevölkerung gerichteten Energiespartipps, die sich auf die Empfehlung der Drosselung der Raumtemperatur um ein bis zwei Grad drehten.[1]

Während all diese bereits genannten Beispiele den Winter 1973/74 jedoch nicht überdauerten und teils nach wenigen Wochen wieder abgeschafft wurden, erwiesen sich zwei als langfristiger. Die Rede ist hier zum einen von der Einführung der sogenannten „Energieferien“, die erstmals von 11. bis 16. Februar 1974 abgehalten wurden. Andererseits fällt hierunter auch der erwirkte Anwerbestopp für GastarbeiterInnen. Beide Fälle, so zeigt die Analyse der Berichterstattung im ORF-Archiv, sind keineswegs alleinig auf die Ölpreiskrise zurückzuführen, sondern wurde hier viel eher eine bereits bestehende Krisensituation genutzt, um weiterführende Problemstellungen innerhalb der Gesellschaft zu „lösen“. Im Falle der Energieferien gab Handelsminister Josef Staribacher zumindest bereits im Februar 1974 zu, dass die Verlängerung, der bis dato schon bestandenen zweitägigen Semesterferien, auch erfolgte, weil die Fremdenverkehrswirtschaft seit Jahrzehnten nach einer zusätzlichen Ferienwoche verlangt hatte.[2]

Letztlich sind die Energieferien bis heute auch als genau das in Erinnerung geblieben; ein erwiesenes Instrument zur Förderung des heimischen Wintertourismus, mit dem allerdings kaum Energie eingespart werden konnte. Einen vergleichbar opportunistischen Charakter weist ebenfalls der ab März 1974 erfolgte Anwerbestopp auf, dessen langfristiges Ziel es war die Zahl der GastarbeiterInnen aus Jugoslawien und der Türkei hierzulande zu reduzieren. Um die Gastarbeiterfrage entbrannte schon vor Herbst 1973 eine heiß diskutierte mediale Debatte, die vor allem um mangelhafte Regulierungsmechanismen in der Zuwanderungspolitik und eine vorherrschende Negativstimmung am konkurrenzorientierten Arbeitskräftemarkt kreiste. Da kein direkter Zusammenhang zwischen der gesetzten Maßnahme und der Eindämmung der gestiegenen Mineralölpreise erkennbar ist, lässt sich die Vorgehensweise daher als Nutzbarmachung einer Krise werten, um eine andere (bevorstehende) Krise zu bewältigen. Eine, die obendrein eine fragwürdige Wirkung entfaltete, denn wie der Zeithistoriker Dirk Rupnow anmerkte, kam es auch ob des Entzugs eines Viertels der Arbeitsbewilligungen, „gleichzeitig – als unbeabsichtigte Nebeneffekte – vielfach zur Verstetigung des Aufenthalts und zu verstärktem Familiennachzug.“[3]


[1] ORF konkret, Maßnahmen gegen erste Ölpreiskrise 1973, 12. 9. 2022, 02:28-02:52 min, URL: tvthek.orf.at/history/Energie-wird-knappes-Gut/13557994/Massnahmen-gegen-erste-Oelpreiskrise-1973/14153860 (abgerufen 20. 7. 2023).

[2] Vgl. ORF, Handelsminister Josef Staribacher nimmt zu den Energieferien und den Auswirkungen auf die allgemeine Treibstoffeinsparung Stellung. 15. 2. 1974, Nachrichtenbeitrag aus dem ORF-Archiv, 01:51-02:19 min.

[3] Dirk Rupnow, Migration. in: Marcus Gräser/Dirk Rupnow (Hg.), Österreichische Zeitgeschichte – Zeitgeschichte in Österreich. Eine Standortbestimmung in Zeiten des Umbruchs, Wien 2021, 244.