Wien, Kontinuität über Zäsuren hinweg. Eine Exkursion durch die Wiener Stadtgeschichte der 1920er bis 1950er Jahre

13.11.2020

Vom 19. bis 22. Oktober 2020 fand die Exkursion „Wien, Kontinuitäten über Zäsuren hinweg. Geschichten der Stadt in ausgewählten zeithistorischen Längsschnitten der 1920er bis 1950er Jahre“ als Lehrangebot des MA Studiums Geschichte statt.

Linda Erker und Katharina Seibert beschäftigten sich in ihrer Veranstaltung mit bildungspolitischen, geschlechtergeschichtlichen, sozial- und erinnerungspolitischen Aspekten im Kontext des „Roten Wien“, des Austrofaschismus, dem NS-Regime in Österreich und der österreichischen Nachkriegszeit. Gemeinsam mit den Studierenden hinterfragten sie etablierte Narrationen über Zäsuren und Kontinuitäten und spürten vergangenen sozialen Räumen der Stadt nach. Entsprechend der Covid19-bedingten Einschränkungen wurden thematische Stadtspaziergänge im Freien gemacht und in kleinen Gruppen Ausstellungen besucht.

 

Christian Stifter (Direktor des Österreichischen Volkshochschularchivs) und Thomas Laimer (Direktor der VHS Ottakring) führten durch die Geschichte und das historische Gebäude der VHS Ottakring, den zweitältesten Standort dieser Bildungsbewegung in Wien. Die Wiener Volkshochschulen der Zwischenkriegszeit waren nicht nur Institutionen, die Wissen in die Breite der Bevölkerung tragen wollten, sondern auch Orte der Vernetzung und Innovation für Forscher:innen, die sowohl an den Universitäten und den Volkshochschulen lehrten. Klaus Taschwer (Journalist, Soziologe) konzentrierte sich in seiner Führung im Hauptgebäude der Universität Wien am Ring unter dem Schlagwort „Bildungschancen“ auf die antisemitischen und damit verbundenen bildungspolitischen Entwicklungen an der Universität Wien, die seit den 1920er Jahren eine Hochburg des sog. „Black Vienna“ (Janek Wasserman) war. Dabei ging es auch darum aufzuzeigen, wie lange das Thema des „brain drain“ in den Geschichtswissenschaften nach 1945 unerforscht blieb und welche gedenkpolitischen Interventionen heute an die antisemitische Tradition der größten Hochschule des Landes erinnern.

 

Während in der Bildungsgeschichte Wiens, der Austrofaschismus bzw. die Jahre des Nationalsozialismus zumindest in gewissen Aspekten als Zäsuren gedeutet werden können, erzählten Petra Unger (Frauen*spaziergänge) und Andreas Brunner (QWIEN) am zweiten Exkursionstag von Menschen, deren sexualpolitische Diskriminierungen sich über das Ende Zweiten Weltkrieg hinweg fortsetzten. Während Wiens Sexarbeiter:innen, deren Geschichte im Mittelpunkt der Tour von Petra Unger standen, bis heute gesellschaftlich und politisch marginalisiert bleiben, wies Andreas Brunner in seinem Rundgang über nationalsozialistische Repression gegen homosexuell begehrende Menschen darauf hin, dass seit den 1970er Jahren erst ein langsamer Wandel einsetzte.

Julia Schranz (Das Rote Wien im Waschsalon) zeigte uns mit dem 1930 eröffneten Karl-Marx-Hof ein steingewordenes Umdenken sozialdemokratischer Stadtpolitik, die mit den verfügbaren Mitteln der Zeit Linderung für die vielfache Not schaffen sollte. Dass soziale Wohnungskonzepte wie die Wiener Gemeindebauten bis in die Gegenwart fortwirken, machte Julia Schranz an aktuellen Debatten über Wohnungsnot und explodierenden Mietpreisen sichtbar. Der dritte Tag stand zum einen ganz im Zeichen des „Roten Wien“ und stellte auch schon den ersten Schritt in die Arbeit an den studentischen Abschlussprojekten dar, die nachmittags diskutiert wurden.

Am vierten Tag folgten wir gemeinsam mit dem Jüdischem Museum Wien den Spuren Simon Wiesenthals durch das Nachkriegswien bis in die 1960er Jahre und diskutierten abschließend mit dem Vermittlungsteam des Haus der Geschichte Österreichs in Kleingruppen die Dauerausstellung des HdGÖ. Dabei stand Wiens Nachkriegsgeschichte erneut im Fokus und somit auch die – im Kontext der NS-Vergangenheit – Macht des Vergessen-Wollens und Verdrängens in der Zweiten Republik.

Wir möchten unseren Referent:innen hiermit noch einmal für die bereichernden und interessanten Vorträge ganz herzlich danken, es waren vier dichte aber überaus inspirierende Tage! Ein besonderer Dank geht außerdem an alle Teilnehmer:innen, die sich mit ihren zeithistorischen Impulsreferaten und ihrer Diskussionsbereitschaft eingebracht haben und dazu beigetragen haben, dass diese Exkursion in Zeiten von Corona für alle eine bereichernde Abwechslung im digitalen Lehralltag wurde.