In Memoriam Hugo Portisch (1927-2021)

07.04.2021

Der Doyen der österreichischen Journalistik, Hugo Portisch, ist am 1. April 2021 im Alter von 94 Jahren verstorben. Er gilt als Wegbereiter des unabhängigen Journalismus im Print- und Fernsehbereich und hat mit seinen zahlreichen zeithistorischen Dokumentationen wertvolles Quellenmaterial für die Zeitgeschichte hinterlassen. Gemeinsam mit dem Archiv des ORF arbeitet das Institut für Zeitgeschichte derzeit rund 800 Stunden ungeschnittene Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus der Serie Österreich II und Österreich I auf.

Langversion des Nachrufs auf Dr. Hugo Portisch, der in gekürzter Fassung im Falter 14/21, S. 22-24 veröffentlicht wurde.

Oliver Rathkolb

Nachruf auf Hugo Portisch: Gegen Staatsräson und für unabhängigen Journalismus

 

Ich bin persönlich sehr betroffen und traurig, weil Hugo Portisch gestorben ist, aber gleichzeitig total irritiert, dass die politischen Eliten Österreichs nicht wirklich in Ihren höchst anerkennenden Nachrufen auf den Doyen des Journalismus, dem Thema genügend Raum gegeben haben, das sein Leben geprägt hat – einem unmissverständlichen Bekenntnis zu unabhängigem Journalismus und zur Pressefreiheit in Gegenwart und Zukunft ohne Message Control und gesetzliche Hindernisse!

Wie kein anderer Medienmacher, der viele Jahrzehnte lang Printmedien ebenso wie seit 1967 den ORF mitgeprägt hat, wusste er, was Diktatur und Totalitarismus bedeuten. Schon sein aus St. Pölten stammender Vater Emil verlor 1939 die Stelle als Chefredakteur der „Neuen Preßburger Zeitung“, die in Bratislava/Preßburg als „Judenblatt“ und „Hetzblatt“ nach wenigen Wochen trotz ideologischer Neuausrichtung eingestellt wurde. Sein Sohn Hugo war in der Folge als Mittelschüler Angriffen pronazistischer Lehrer und Mitschüler ausgesetzt.

Schon in den Kriegsjahren regte sich Hugo Portischs Widerstandwille und gemeinsam mit Freunden träumte er von einer neuen besseren Welt nach Kriegsende und entzog sich einem HJ-Wehrertüchtigungslager durch Beitritt zur kriegswichtigen Feuerwehr. Portisch war ein kompromissloser Anti-Faschist, aber auch überzeugter Anti-Kommunist. Nachdem er Ende März 1945 sein „Kriegsabitur“ absolviert hatte, floh er, um nicht in die Wehrmacht oder zur Waffen SS eingezogen zu werden, auf lebensgefährlichen Wegen über Prag auf den Bauernhof seiner verstorbenen Großeltern im Stadtteil Oberwagram in St. Pölten.

2017 wurde bei der Erneuerung seines akademischen Grades an der Universität Wien, wo er Geschichte, Germanistik, Anglistik und Zeitungswissenschaft an der Universität Wien und 1951 in Publizistik promoviert hatte, deutlich mit welch unglaublichem Elan und Optimismus Portisch und viele andere junge Menschen, den Wiederaufbau unterstützten. Nachdem sie den todbringenden Nationalsozialismus nicht mehr fürchten mussten, setzten sie alles daran,  den Kleinstaat Österreich und die parlamentarische Demokratie mit allen Mitteln zu schützen und zu stärken.

Daher wundert es nicht, dass Hugo Portisch total irritiert war, als einer seiner Professoren, Emil Ludwig, eine graue Eminenz des autoritären Pressewesens in der  „Dollfuß-Schuschnig-Diktatur“ den Studenten und Studentinnen einschärfen wollte, dass „Ihre wichtigste Aufgabe sein müsste, stets die Staatsräson zu vertreten“. Falls das nicht funktionieren sollte, gebe es noch ein anderes Mittel – den „Reptilienfonds“, das heißt die Bestechung durch Geldbeträge aus geheimen Schwarzgeldfonds.

Nach ersten Anfängen im Wiener Nachrichten-Büro niederösterreichischer Zeitungen und beim „Wiener Montag“ bei seinem späteren Schwiegervater Maximilian Reich machte er bei der „Wiener Tageszeitung“ auf einem ÖVP-Ticket (inklusive Parteimitgliedschaft) einen ersten Karriereschritt. Als stellvertretender Leiter des österreichischen Informationsdienstes in New York Julius Raab bei einem Staatsbesuch in den USA 1954 persönlich als Dolmetsch betreute, emanzipierte er sich bald aus den damals typischen parteipolitischen Zuschreibungen in die auch die Medien beherrschenden beiden großen politischen Parteien ÖVP und SPÖ.

Wichtig in diesem Loslösungs-Prozeß waren sicher seine Frau Gertraude („Traudi“), die er 1949 heiratete, die eine geschätzte Kinderbuchautorin wurde, und sein Schwiegervater, Maximilian Reich. Dieser war wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner Position 1938 auf einem der ersten Transporte nach Dachau verschleppt worden, und dann weiter ins KZ Buchenwald, konnte aber mit seiner Familie vor dem NS-Terror nach England flüchten.

Immun gegen parteipolitische Vereinnahmung machte ihn aber auch 1950 ein längerer USA-Aufenthalt – eine Fortbildungsreise und ein Spezial-Kurs an der School of Journalism in Columbia, University of Missouri. Unter der Leitung des renommierten Zeitungswissenschaftlers Pulitzer-Preis Gewinners für Geschichte Dean Frank Luther Mott, wurden in einem zehntätigen Schnellkurs wesentliche Kriterien der journalistischen Objektivität und Unabhängigkeit gelehrt: „Check, re-check, double-check. Jede Information musste mehrmals auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht werden“. Dies bedeutete nach Portisch auch immer die „Gegenseite zu hören…Als freier Journalist muss man dann auch immer implizit für den Angeklagten sein“.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Emanzipation von der Parteien-Dominanz war die Einladung zur Mitarbeit von Hans Dichand, der das Nachfolgeblatt der ursprünglich US-Amerikanischen Zeitung „Wiener Kurier“, den „Neuen Kurier“, als Chefredakteur leitete. Der Eigentümer der Zeitung, der Mühlenbesitzer und Filmfirmeneigentümer Ludwig Polsterer, bestellt dann Portisch mit 31 Jahren zum jüngsten Chefredakteur Österreichs.

Der Ideenreichtum und Aktivismus von Portisch – u.a. mit der Auflagensteigerung des Kuriers auf drei Ausgaben pro Tag und moderner Werbung und geschickter Preispolitik – schufen die Grundlage für den Erfolg dieser auflagenstärksten Tageszeitung. Gleichzeitig machte sich Portisch aber auch viele Feinde, als er in den frühen 1960er Jahren kompromisslos gegen den Historiker an der Hochschule für Welthandel Taras Borodajkewycz anschrieb, der in seinen Vorlesungen wie in der NS-Zeit mit offen antisemitischen Zuschreibungen agitierte.

Als er sich an die Spitze von 52 Zeitungen und Zeitschriften stellte, um ein Volksbegehren für einen unabhängigen Rundfunk zu initiieren, traf er auf vehementen parteipolitischen Widerstand von ÖVP und SPÖ. Portisch publizierte damals auch ein ihm zugespieltes geheimes Zusatzabkommen zum Koalitionspakt von 1963, in dem die parteipolitischen Besetzungen beispielsweise im Aktuellen Dienst des ORF festgehalten wurden. Trotz aller Widerstände, und dem politischen Versuch, das Volksbegehren durch Sendeverbote Tod zu schweigen oder durch Gesetzesbruch die Eintragungen zu verhindern, gelang ihm, seinem Organisationschef im Kurier Hermann Stöger und den anderen Zeitungen ein großer Erfolg – 832.353 Österreich und Österreicherinnen unterschrieben das Rundfunkvolksbegehren 1964. Das übrigens überhaupt erste Volksbegehren hält noch heute den 7. Platz im Ranking aller derzeit 53 Volksbegehren.

Der Eigentümer des Kurier Polsterer hatte aber von allem Anfang an diese demokratiepolitische Meisterleitung von Hugo Portisch höchst skeptisch verfolgt. 1967 trennten sich die Wege, und Portisch nahm trotz eines Offerts der Süddeutschen Zeitung das Angebot des neuen Generalintendanten Gert Bacher an, als Chefkommentator in den ORF zu wechseln. Bereits 8 Jahre lange hatte Portisch abwechselnd mit den Chefredakteuren der Süddeutschen und des Münchner Merkurs im Bayrischen Fernsehen eine Kommentarreihe am Samstag gestaltet.

Andreas Novak hat in seiner umfassenden ORF-Geschichte „Macht der Bilder“ die ORF-Karriere von Hugo Portisch eindrucksvoll rekonstruiert, und keine Mediengeschichte kommt ohne seine Kommentare aus Paris während der Studentenrevolution 1968 oder dem Einmarsch in der Tschechoslowakei 1968 aus. Legendär und auch heute noch sehenswert sind die rund 15 TV-Reportagen, viele mit dem kongenialen Kameramann von Visnews BBC, Sepp Riff – ich kann hier nur zwei herausgreifen 1969: Friede durch Angst von oder 1971 Nach Peking und zurück, Nixon in China. Zahlreiche Auszeichnungen folgten.

Häufig diktierte Portisch – wie er es in der Wiener Tageszeitung gelernt hatte, um Zeit zu sparen – auch die entsprechenden Bücher dazu, manche auch ins Englische oder Französische übersetzt.

Mehr als 28 Monographien sind es geworden – beispielsweise „So sah ich die Sowjetunion 196, oder „Eyewitness in China“ sowie 1965 mit einem Angst und Schrecken einflößenden Interview aus der unterirdischen Atomwaffen-Kommandozentrale der USA „Friede durch Angst, 1970. Oder zuletzt 2015 seine Memoiren „Aufregend war es immer“ und 2017 Leben mit Trump. Ein Weckruf für Europa sowie 2020 „Rußland und wir“.

Natürlich atmen die älteren Bücher der 1960er Jahre den Zeitgeist des Kalten Krieges, aber sie sind ein wichtiges Zeitdokument der Weltpolitik. Und Hugo Portisch bleibt neugierig und stellt auch immer wieder seine eigenen Positionen in Frage. So wird aus dem Befürworter von US-Außenpolitik in den 1960er und 1970er Jahren ein scharfer Kritiker, der die unabsehbaren Folgen der US-Nahostpolitik ebenso kritisch analysiert wie die Außenpolitik von Donald Trump. Längst ist die Kritik der Linken an Portischs Analysen der US-Außenpolitik im Kalten Krieg verebbt.

Afrika war für den extrem fleißigen und produktiven Journalisten immer ein wichtiger Kontinent, und vehement forderte Portisch bis zuletzt einen Marshall-Plan für Afrika, um den Flüchtlings- und Migrationsdruck von Europa zu nehmen und die Lebens- und Arbeitsbedingungen in diesem Kontinent nachhaltig zu verbessern: "Um Europa zu retten, muss man Afrika retten",

Portisch war Zeit seines Lebens ein begeisterter Österreicher, aber gleichzeitig auch ein Weltbürger, der sich intensiv für die Europäische Union engagierte – aber ebenso klar ihre Defizite und Schwächen offenlegte, um den Reformdiskurs anzufachen. Dieses kritische Engagement wurde auch in seiner letzten großen vierteiligen ORF III-Dokumentation „Die Geburt Europas“, an der ich beratend mitgearbeitet habe, sichtbar.

Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes hat Hugo Portisch mit seiner Serie Österreich II 12 Folgen gemeinsam mit Sepp Riff  und Österreich I (12 Folgen) geschrieben. Als er im Juni 1981 von ORF-Generalintendant Gerd Bacher beauftragt wurde, eine Serie zur Frühgeschichte der Zweiten Republik zu gestalten, konnte dieser wohl noch nicht ahnen, dass er damit eine Quellensicherungslawine losgetreten hatte, die einzigartig ist.

So gelang es der unbändigen Neugierde von Hugo Portisch nach unbekannten Quellenmaterial nicht nur mit einem eigenen Team einzigartiges Archivmaterial zusammenzutragen, sondern auch aus zahlreichen internationalen Fernseh- und Filmarchiven unbekanntes Filmmaterial nach Wien zu holen. Der Chef des eher noch bescheidenen ORF Archivs, Peter Dusek, nutzte die Chance des Bündnisses mit Hugo Portisch und baute ein international beachtetes Fernseharchiv um diese Produktionsserie.

Heute verfügt der öffentlich-rechtliche ORF über rund 800 Stunden größtenteils nicht gesendetes und nicht geschnittenes Material aus 1046 Zeitzeugen und Zeitzeuginnen –Interviews. Dies ist im wahrsten Sinne des Wortes „der“ audio-visuelle Gedächtnisspeicher der Ersten und Zweiten Republik und die Gespräche umfassen alle Lebensbereiche von Politik, Kunst, Wissenschaft über Wirtschaft, Journalismus, Arbeitswelt und Agrarwirtschaft – auch viel heute meist vergessene Exilanten und Exilanten kommen hier ebenso zu Wort. Derzeit werden sie in einem Projekt mit dem ORF-Archiv (Leitung Herbert Hayduck) und dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und mit verschiedenen Kooperationspartnern feinindiziert. Rund die Hälfte des Materials ist bereits erschlossen.

Die ursprünglichen Kommentare von Österreich I und Österreich II wurden von einem externen Review-Beirat durchgesehen, dem renommierte Historikerinnen und Historiker wie Erika Weinzierl, Gerald Stourzh, Gerhard Jagschitz, Herbert Steiner, Wolfgang Neugebauer, Manfried Rauchensteiner, Stefan Karner und zuletzt auch ich selbst. Insgesamt konnte Portisch auf rund 40 Experten und Expertinnen und einem eigenen permanenten Kernteam zurückgreifen, die von seiner Produktionsleiterin Christine Graf koordiniert wurden.

Das Besondere an diesen Dokumentationen Österreich II und I, die 2013 von ORF III auf Initiative von Peter Schöber einem Remake unterzogen wurde und von Hugo Portisch auch neu und durchaus auf der Basis neuester Forschung kritischer kommentiert wurden. Hier war ich auch als Konsulent eingebunden.

Die hohe Bildqualität der Serien hängt unter anderem mit der gelungenen Dramaturgie zusammen, die anfangs der Schriftsteller Gyorgy Sebestyen gestaltete. Durch die besondere Schnitttechnik, wobei das historische Filmmaterial und die Zeitzeugen-Interviews genau passend zum jeweiligen Kommentar eingefügt wurden und daher Text und Bild ungewöhnlich harmonierten.

Portisch wollte gelebte Demokratie, wie er sie bei seinem USA-Aufenthalt vielleicht auch idealisiert kennengelernt hatte, und hat längst seine ÖVP-Zeit abgeschüttelt und bewahrte sich Zeit seines Lebens eine Äquidistanz zu den politischen Parteien und deren Führungspersönlichkeiten. Bruno Kreisky hatte seinen „alten jungen Freund“ Hugo Portisch ebenso geschätzt wie Franz Vranitzky oder Erhard Busek, letztere wollten ihn bekanntlich sogar als gemeinsamen Bundespräsidentschaftskandidaten aufstellen. Aber das lehnte Hugo Portisch ab, er war mit Leib und Seele ein unabhängiger Journalist,  und gerade diese Unabhängigkeit wollte er nicht den Zwängen eines politischen Amtes unterordnen.

Aber Portisch hat durchaus versucht, politische Entscheidungsträger zu Richtungsentscheidungen zu motivieren. So übermittelte er am 8. April 1987 ein Memorandum an Bundeskanzler Vranitzky, um neben anderen Vorschlägen ihn zu motivieren,  als erster Bundeskanzler offiziell eine politische Mitverantwortung an der Shoa auszusprechen und damit die Debatte um die Kriegsvergangenheit Kurt Waldheims zu beruhigen. Das angespannte Koalitionsklima mit der ÖVP, aber auch die Entscheidung der USA, 20 Tage später Waldheim Einreiseverbot zu erteilen, verhinderten die Umsetzung. Bekanntlich gab dann Bundeskanzler Vranitzky diese Erklärung am 8. Juli 1991 im Parlament ab und wiederholte sie in Israel.

Hugo Portisch war selbst lebende Zeitgeschichte - der letzte Journalist, der den nationalsozialistischen Terror und damit verbunden die totale Kontrolle der Medien ebenso erlebt hat, wie die Versuche politischer Parteien, nach 1945 die Medienlandschaft subtiler, aber durch auch mit klaren ideologischen und politischen Vorgaben zu kontrollieren und beeinflussen. Message Control war für ihn nichts Neues, auch wenn – so Portisch –„aber eine Aufrüstung der Regierung zu bemerken ist , davor war die Message-Control nicht so stark.“

Couragiert nützte er im Dezember 2019 die einzige Ordensverleihung, die er je akzeptierte, durch die ExpertInnenregierung unter Leitung von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, um allen künftigen Regierungen eine klare Botschaft ins Stammbuch zu schreiben und die ständigen Attacken auf den ORF als „Lügenfabrik“ zurückzuweisen: "Kritischer Journalismus ist ein wichtiges Korrektiv und damit eine Säule der Demokratie."

 

 

Artikel In Memoriam Hugo Portisch (1927-2021) der Redaktion von uni:view | 02. April 2021