Das Institut für Zeitgeschichte trauert um Univ.-Prof. Dr. Włodzimierz Borodziej

16.07.2021

Nachruf

Wiederabdruck eines Beitrages der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission

 

In memoriam Włodzimierz Borodziej (1956–2021)

 

Pamięci Włodzimierza Borodzieja (1956-2021)

 

Am 11. Juli 2021 starb nach längerer Krankheit unser Kollege und Freund Prof. Dr. Włodzimierz Borodziej. Er war eng mit der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission verbunden, war zehn Jahre lang als unser polnischer Co-Vorsitzender tätig und ohne Frage einer der inspirierenden und charismatischen Zeithistoriker seiner Generation.

Włodzimierz Borodziej war durch längere Schulzeiten in Wien bereits von Jugend auf auch mit der österreichischen und deutschen Kultur und Sprache vertraut und publizierte seit den 1980er Jahren in polnischer und deutscher Sprache. Er legte 1984 an der Universität Warschau eine Dissertation zur deutschen Polizei und deren Maßnahmen gegen den polnischen Widerstand vor – eine Pionierarbeit, in der vor allem Archivalien aus dem Gouvernement Radom auswertete (deutsch: Terror und Politik. Mainz 1999). Die Habilitation folgte 1991 zu „Polen in den internationalen Beziehungen 1945-1947“ (Polska w stosunkach międzynarodowych 1945–1947).

Als junger Historiker spezialisierte sich Borodziej in polnischer, deutsch-polnischer und mitteleuropäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts und legte dazu neben seinen Qualifikationsschriften zahlreiche Monographien und Beiträge vor, u.a. zum Ersten Weltkrieg in Polen, zum Warschauer Aufstand 1944 sowie eine Gesamtdarstellung zur Geschichte Polens im 20. Jahrhundert (vgl. Liste unten). Besonders verdienstvoll im deutsch-polnischen Kontext war die gemeinsam mit Hans Lemberg in deutscher und polnischer Sprache herausgegebene vierbändige Edition „Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945-1949“, die die polnische Archivüberlieferung zu Deutschen in Polen zusammenstellte. Eine zentrale Tätigkeit für die polnische Forschung war die Herausgeberschaft der „Polskie Dokumenty Dyplomatyczne” im Auftrag des Polnischen Instituts für Internationale Beziehungen (Polski Instytut Spraw Międzynarodowych), die Borodziej 2005-2013 koordinierte (18 Bde.).

Włodzimierz Borodziej nahm auch zeitweise intensiv die Herausforderungen der Wissenschaftspolitik an, so als Prorektor der Universität Warschau (1999-2002), als Co-Direktor des Imre Kertész-Kollegs in Jena oder als Vorsitzender der wissenschaftlichen Beiräte des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin (Centrum Badań Historycznych PAN w Berlinie, des Hauses für Europäische Geschichte in Brüssel oder des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Dabei bewahrte er stets eine reflexive Distanz zum hektischen Alltag, stand aber in kritischen Momenten immer zur Verfügung.

Durch Lebensweg und Bildung verkörperte Włodek einen in seiner Generation in Polen ungewöhnlichen Typus eines Wissenschaftlers: zuhause in mehreren Wissenschaftskulturen, war er ansprechbar für Nachwuchswissenschaftler aus Deutschland und Polen, stand mit Unterstützung zur Verfügung und stellte in vieler Hinsicht eine Verkörperung europäischer Wissenschaftskultur bereits im Polen der 1980er und 1990er Jahre dar. Das brachte ihm internationale Anerkennung, aber auch Anfeindungen aus nationalen Positionen ein. Als Warschauer Hochschullehrer bildete er eine ganze Generation polnischer Historiker aus und förderte stets eine Beschäftigung mit der schwierigen und belasteten deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte.

Lebenslang war Włodzimierz Borodziej über mehr als 40 Jahre mit der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission verbunden: Bereits als Doktorand war er von 1979-1981 als Sekretär der polnischen Seite der Schulbuchkommission tätig, in den 1980er Jahren nahm er an zahlreichen Tagungen teil, war seit den 1990er Jahren Präsidiumsmitglied und 1997-2007 für zehn Jahre polnischer Co-Vorsitzender. Seitdem spielte er in der bilateralen Kommission immer wieder die Rolle eines erfahrenen Beraters und einer Kapazität zu Fragen der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wir sind dankbar, dass er der Kommission seine Arbeitskraft, seine Energie und seine Umsicht zur Verfügung gestellt hat und werden ihn sehr vermissen.

Das Präsidium der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der Historiker und Geographen

Ausgewählte Publikationen

Terror i polityka. Policja niemiecka a polski ruch oporu w Generalnym Gubernatorstwie 1939 – 1944, Warszawa 1985 [dt. Ausgabe: Terror und Politik. Die deutsche Polizei und die polnische Widerstandsbewegung im Generalgouvernement 1939 – 1944, Mainz 1999].

Od Poczdamu do Szklarskiej Poręby. Polska w stosunkach międzynarodowych 1945-1947, Londyn 1990.

Hg. [zusammen mit Hans Lemberg] Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden…“ Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945 – 1950. Dokumente aus polnischen Archiven, 4 Bde., Marburg 2000 – 2004 [poln. Ausgabe: Niemcy w Polsce 1945-1950. Wybór dokumentów, t. I-IV, Warszawa 2000-2001].

Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt/M.2001 [ engl. Ausgabe: The Warsaw Uprising of 1944, The University of Wisconsin Press, 2006].

Hg. [zusammen mit Andrzej Garlicki], Okrągły stół. Dokumenty i materiały, 4 Bde., Warszawa 2004.

Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010.

Hg. [zusammen mit Joachim von Puttkamer], Europa und sein Osten. Geschichtskulturelle Herausforderungen, München 2012.

[Zusammen mit Maciej Górny], Der vergessene Weltkrieg. Imperien 1912–1916, Darmstadt 2018.

 

 

 

Zum Nachruf in der Süddeutschen Zeitung von Florian Hassel