Internationale Politik ohne staatliche Akteure? Das Beispiel der Entwicklungspolitik in Deutschland und Österreich ab den 1960er Jahren

© Ford Foundation Archives, Rockefeller Archive Center

 

Habilitationsprojekt von Lucile Dreidemy

 

Dieses Habilitationsprojekt befasst sich mit dem Phänomen der „NGOisierung“ der internationalen Politik ab den frühen 1960er Jahren am Beispiel der westdeutschen und österreichischen Entwicklungspolitik und schreibt sich in eine breitere Reflexion über die noch weitgehend unterbeleuchtete Rolle von nichtstaatlichen Organisationen in der zweiten Globalisierungswelle ein. Anhand ausgewählter westdeutscher und österreichischer NGOs aus dem Bereich der Entwicklungspolitik möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern der Staat von der „NGOisierung“ der internationalen Politik profitieren konnte, um seine Macht auf internationaler Ebene aufrechtzuerhalten bzw. zu erweitern. Dabei soll das dominierende Globalisierungsnarrativ eines allmählichen Rückzugs des Staates auf den Prüfstand gestellt werden.

Auf westdeutscher Seite konzentriere ich mich auf die besondere Rolle der parteinahen Stiftungen, und insbesondere der SPD-nahen Ebert-Stiftung und der CDU-nahen Adenauer Stiftung, die ab den späten 1950er Jahren bzw. frühen 1960er Jahren sowohl als Entsendeorganisationen als auch als Think Tanks aktiv waren. Der Einsatz von NGOs im globalen Süden und in der entwicklungspolitischen Öffentlichkeitsarbeit bildete auch von Anfang an ein Merkmal der österreichischen Entwicklungspolitik. Besondere Aufmerksamkeit verdient hier das Wiener Institut für Entwicklungsfragen, das 1962 auf Initiative Kreiskys als privatrechtliche Organisation zur Förderung der internationalen Kooperation gegründet wurde.


Anhand dieser Fallbeispiele wird unter anderem folgenden Fragen nachgegangen:

  • Wie gestalteten sich die Beziehung und Rollenaufteilung zwischen Staat und NGOs im Rahmen der westdeutschen und österreichischen Entwicklungs- und Außenpolitik?
  • Welche Motive prägten den Diskurs und die Praxis der NGOs? Wie gewichten sich etwa ideologische, ethische und wirtschaftspolitische Überlegungen?
  • Wie gestaltete sich das Verhältnis der NGOs zueinander? Welchen Einfluss hatten transnationale Vernetzungen, etwa auf die Zirkulation von Ideen und Methoden? Welche Rolle spielten Kooperation und Konkurrenz in den Geberländern und in den Einsatzregionen?
  • Kann am Beispiel des Diskurses, der Aktivitäten und der Vernetzungen der westdeutschen und österreichischen NGOs das dominierende Globalisierungsnarrativ eines allmählichen „Rückzugs“ des Staates bestätigt werden, oder dienten diese neuen Akteure eher als brokers zur Erhaltung bzw. zur Verstärkung des staatlichen hard und soft power auf internationaler Ebene?