
Johann Roner: Die Gewerbeschule der Stadt Zürich 1780-1913, Zürich 1914, Beilage 7, in: Christoph Rauhut: Die Praxis der Baustelle um 1900. Das Zürcher Stadthaus, Zürich 2017, S. 73.
Zeitgeschichte als Wissensgeschichte, Intellectual History, Wissenschaftsgeschichte und Geschichte des politischen Denkens
Dieser Forschungsbereich betrachtet die Zeitgeschichte aus der Perspektive vielfältiger Formen der Wissensproduktion.
In unserem spezifischen Verständnis von Intellectual History und der Geschichte des politischen Denkens (Zs.L.) verbinden wir diese beiden Zugänge mit der Ideengeschichte und der Begriffsgeschichte, wobei ein besonderer Schwerpunkt darauf liegt, wie politische Konzepte politische Praxis, politisches Handeln und politischen Wandel prägen. Unsere Forschungen (zum Beispiel im ERC-Projekt HERESSEE) untersuchen daher, wie politische Ideologien und Konzepte in spezifischen historischen Kontexten und durch eine vielfältige Gruppe von Akteur*innen entstehen, zirkulieren und mobilisiert werden.
In einem zweiten Forschungsschwerpunkt richtet sich unser Interesse auf Wissen als Objekt und Ressource in Prozessen der Mobilität und Migration (P.S.). Ideen, Fähigkeiten und kulturelle Praktiken wandern mit Menschen über politische, soziale und geografische Grenzen hinweg. Wissen kann sich dabei verändern, aber auch verloren gehen. Migration spielt in diesem Prozess eine zentrale Rolle. Migrant*innen bringen Wissen, Erfahrung und kulturelles Kapital in neue Gesellschaften ein und fungieren als Brücken zwischen verschiedenen Wissenssphären. Dementsprechend analysiert unsere Forschung (zum Beispiel in den vom Zukunftsfonds der Republik Österreich geförderten Projekten „Rebellen im Exil“ oder „A Hole in the Iron Curtain“) Wissen und kulturelles Kapital als konkrete intellektuelle Werte in verschiedenen Migrationskontexten.
Schließlich interessieren wir uns für Raum als Wissenskategorie, um geopolitische Kategorien zu historisieren und Europas regionale Kartierungen innerhalb globaler Wissensräume neu zu konzeptualisieren (C.K.). Ein aktuelles Forschungsprojekt zur UN-Frauenkonferenz von 1975 untersucht, wie regional verortetes Wissen für transnationale Austauschprozesse generiert und durch diese Prozesse neu interpretiert wird.
Alle Forschungsschwerpunkte behandeln Wissen als historisch verortet, sozial eingebettet und kontinuierlich produziert, übersetzt und neu interpretiert, anstatt als stabiles Inventar von Ideen. Methodisch stellen unsere Ansätze die Zirkulation gegenüber der linearen Diffusion in den Vordergrund: Ideen, Fähigkeiten und Praktiken bewegen sich mit Menschen über soziale und geografische Grenzen hinweg. Unser analytischer Fokus weist über akademische Institutionen hinaus und umfasst auch nicht-akademische Akteur*innen, Praktiken und Formen von Expertise, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf transnationalen Transfers, Aneignungen und der Situiertheit von Wissen auf lokaler und globaler Ebene liegt. Im Zentrum vieler unserer Forschungsfragen steht die Betrachtung von Geschlecht sowohl als Wissenskategorie als auch als historiographisches Konzept, das die Erfahrungen historischer Akteur*innen mit Differenz und ihre Handlungsspielräume prägt.
Stand 5/2026
