
Flüchtlingsfamilie: Polish refugees arriving at Wellington and at the Polish Children's Camp at Pahiatua, 1944, Source: Archives New Zealand, CC BY 2.0, Wikimedia Commons
Migration
Eine migrationshistorische Perspektive auf die österreichische Zeitgeschichte zeigt, dass das Land in den vergangenen 150 Jahren durch vielfältige Formen grenzüberschreitender Mobilität geprägt wurde. Arbeits- und Bildungsmigration, Heiratsmigration, Flucht, Exil, Vertreibung sowie Zwangsmigration trugen wesentlich zur Herausbildung der modernen Gesellschaft bei; Migration ist damit kein Randphänomen, sondern ein konstitutives Element moderner Migrationsgesellschaften.
Am Institut für Zeitgeschichte gilt Migration als grundlegende historische Kategorie und analytische Perspektive auf soziale, politische und kulturelle Entwicklungen. Im Fokus steht die Diversität von Mobilitätserfahrungen: die Wege von Geflüchteten und Vertriebenen, die Zirkulation von Expertinnen in internationalen Organisationen samt Wissensmobilität, Bildungsmobilität sowie die Bewegungen (antikolonialer) Aktivistinnen der Zwischenkriegszeit.
Besondere Aufmerksamkeit erhält Flucht als gesellschaftsverändernde Kraft und die Strukturen, die Wanderungen hervorbringen: ökonomische, soziale und politische Bedingungen, Krieg, autoritäre Herrschaft und die Verfolgung von Minderheiten, insbesondere im Holocaust. Das „Katastrophenzeitalter“ des 20. Jahrhunderts macht sichtbar, wie eng Mobilität mit grundlegenden Umbrüchen verflochten ist.
Zunehmend rücken Fragen der Handlungsmacht von Migrantinnen und Migranten, ihrer Rolle bei der Aushandlung von Migrationsregimen und der durch Mobilität ausgelösten Transformationen in den Mittelpunkt. Migration ist nicht nur Reaktion, sondern ein aktiver Prozess gesellschaftlicher und kultureller Gestaltung; migrantische Akteur*innen verändern Gesellschaften durch Wissenstransfer, wirtschaftliche Aktivitäten und kulturelle Praktiken.
Zentral ist die Analyse von Migrationsregimen: rechtliche Regelungen zu Einreise, Aufenthalt und Staatsbürgerschaft, administrative Praktiken, politische Diskurse und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Mobilität erscheint als historisch wandelbares Zusammenspiel staatlicher Steuerung, ökonomischer Interessen und sozialer Dynamiken.
Ebenso wichtig ist die transnationale Perspektive. Migration wird nicht als lineare Bewegung vom Herkunfts- zum Zielort verstanden, sondern als komplexer Prozess mit Zwischenstationen, Routen, Infrastrukturen, Rückwanderungen und intensiven Interaktionen zwischen Herkunfts-, Transit- und Aufnahmegesellschaften. Damit geraten klassische Integrations- und Assimilationsvorstellungen in die Kritik; statt dessen stehen Analysen von Hybridität, Mehrfachzugehörigkeiten sowie sozialen und geschlechtsspezifischen Dynamiken im Vordergrund. Mobilität wird zugleich als zentrale Kategorie der Globalgeschichte konzeptionell und methodisch reflektiert.
Stand 5/2026
