Memory Studies


Am Institut für Zeitgeschichte verstehen wir Memory Studies als Sammelbegriff für die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit individuellen, gesellschaftlichen und politischen Formen der Vergangenheitskonstruktion und Erinnerungen. Diese Prozesse sind stark gegenwartsbezogen und identitätskonkret (Jan Assmann): Vorstellungen über die Vergangenheit werden funktionalisiert, um Fragen der Gegenwart zu beantworten, Zugehörigkeit zu markieren und Erzählungen gemeinsamer Herkunft und Geschichte zu formen.

Dabei erforschen wir Erinnerung als dynamischen, umkämpften Aushandlungsprozess, der sich im Zuge des „memory boom“ seit den späten 1980er-Jahren herausgebildet und seither stark ausdifferenziert hat. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Interdependenzen individueller und kollektiver Erinnerungen: Untersucht wird unter anderem, wie sich unterschiedliche Ebenen an Erinnerung gegenseitig prägen und welche Stimmen in den hegemonialen Gedächtniskulturen marginalisiert oder ausgeklammert wurden, jedoch auch wie alternative Gegenerzählungen Sichtbarkeit gewinnen.

Die theoretischen Ansätze und thematischen Perspektiven der Memory Studies prägen am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien Forschung und Lehre in vielfältiger und integrativer Weise. Im Fokus stehen biographische und gruppenbezogene Erinnerungen, Gedächtnisorte, Rituale und Narrative, ebenso wie die Rolle von klassischen Massenmedien, Museen, Archiven und digitalen Plattformen. Analysiert werden Geschichtspolitiken, Kontroversen um Denkmäler, Trauma- und Zeugenschaftsdiskurse sowie globale Verflechtungen von Erinnerung im digitalen Zeitalter. Methodisch verbinden wir konzeptionelle Theoriearbeit mit empirischen Analysen. Diskursanalytische Zugänge werden genauso verfolgt wie narrativ-biografische Methoden der Oral History, Datenanalysen der Digital History oder Methoden der Bild- und Filmanalyse sowie der Untersuchung digitaler Spiele.

Ein zentraler Aspekt des Forschungsschwerpunktes Memory Studies am Institut für Zeitgeschichte ist gerade auch die Perspektive auf die Universität Wien selbst durch das "Forum 'Zeitgeschichte der Universität Wien'". Hierbei handelt es sich um eine gesamtuniversitäre Koordinations- und Clearingstelle zur Geschichtsaufarbeitung und zur Gedenk- und Erinnerungspolitik der Universität Wien im 20. und 21. Jahrhundert mit einem besonderen Fokus auf Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Das Forum macht bisherige Aktivitäten der Universität Wien sichtbar, identifiziert Forschungslücken und versucht, einschlägige Forschung, Lehre sowie gedenk- und erinnerungspolitische Aktivitäten zu initiieren, zu begleiten bzw. zu vernetzen und umzusetzen.


 

 

Stand 5/2026